Yumis Tagebuch
Berlin, meistens. Manchmal auch woanders.
Der Fuchs vom Kanal
Es war Nacht. Dunkel, wie es im Herbst dunkel ist — schwer und still und nach Laub riechend.
Ich wollte nur kurz raus. Das Paul-Lincke-Ufer, gegenüber von zuhause, ist mein Platz für schnelle Sachen. Pipi. Nase in den Wind. Wieder rein.
Aber dieser Abend war anders.
Zuerst der Geruch. Etwas Wildes, Fremdes, das nicht nach Hund roch und nicht nach Mensch. Dann die Augen — klein, hell, direkt auf mich gerichtet.
Ein Fuchs. Er lag im Laub, ganz ruhig, als wäre das sein Wohnzimmer. Vielleicht ist es das ja auch. Wir teilen uns diesen Kiez, der Fuchs und ich. Nur dass er die Nacht für sich beansprucht und ich die Sonnenstunden.
Er hat Laute gemacht. Ich weiß nicht, was er damit sagen wollte. Geh weg vielleicht. Oder: Ich sehe dich.
Ich habe ihn angeschaut. Er hat mich angeschaut.
Dann war es wieder still.
Berlin hat viele Gesichter. Manchmal liegt eines davon im Herbstlaub und guckt dich an.
🐾 Yumi, Kreuzberg, Paul-Lincke-Ufer
Der Dienstagmarkt und der Schwan
Dienstags riecht das Maybachufer nach frischen Tomaten, gegrilltem Halloumi und den Neuigkeiten der Hunde aus Neukölln. Ich lese die Nachrichten an den Laternenpfählen – ausführlicher als Papi seine Zeitung. Er weiß nicht, was er verpasst.
Heute saß ein Schwan am Kanalufer. Nicht ängstlich, nicht neugierig. Einfach da. Er hat mich angeschaut. Ich habe ihn angeschaut. Nach ungefähr dreißig Sekunden hat er sich abgewandt. Remis, würde Papi sagen.
Regen ist kein Argument
Papi wollte heute wegen Regen nicht raus. Ich habe ihn vom Sofa aus angeschaut. Nicht mit dem Pudelblick – der ist für besondere Anlässe. Nur mit dem normalen Blick, aber fest und lange.
Nach vier Minuten stand er auf und holte seinen Mantel. In der Hasenheide schien dann sogar die Sonne. Manchmal muss man führen, auch wenn man der Kleinere ist.
Das größte Nichts der Stadt
Ein ehemaliger Flughafen. Jetzt Wiese. Man sieht den Horizont, was in Berlin sonst nirgendwo geht. Papi erzählte mir, dass von hier früher die Rosinenbomber starteten – Flugzeuge, die nach dem Krieg Essen in die eingesperrte Stadt brachten. Ich habe das nicht ganz verstanden. Aber ich verstand: Dieser Boden hat Geschichte.
Ich lief und lief, und der Horizont blieb immer gleich weit weg. Philosophisch, das.